Werkzeugbau mit großen Herausforderungen konfrontiert - Serienproduktion in Deutschland beeinflusst

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Hersteller von Metallumformwerkzeugen für die Automobil- und Zulieferindustrie stehen vor dem Kollaps.

In vielen Werkzeugbauten, insbesondere in der Zuliefererkette Automobil, spitzt sich die wirtschaftliche Situation zu, weil die Neuaufträge teilweise schon seit einem Dreivierteljahr zunehmend ausbleiben. Viele Unternehmen haben bereits mit der Entlassung hochqualifizierter Facharbeiter begonnen. Die Anzahl an Insolvenzen und Übernahmen steigen. Es droht ein Dominoeffekt, wenn diese Schlüsselbranche für die industrielle Serienproduktion nicht bald wieder auskömmliche Aufträge erhält.

 

Interview mit Volker Schäfer, neuer stellvertretender Vorsitzender des VDMA Werkzeugbau am 02.03.2020 von Alfred Graf Zedtwitz, VDMA

1. Herr Schäfer, Sie vertreten im Vorstand des VDMA Werkzeugbau seit Dezember 2019 die Stanz- und Umformtechnik im VDMA Werkzeugbau. Wie ist die aktuelle Situation in dieser Teilbranche?

Unterschiedlich: Im Kundensegment Automobil, zu dem auch mein Unternehmen Kuhn & Möhrlein gehört, ist es fünf vor Zwölf. Seit etwa einem Jahr laufen die Unternehmen leer, weil die Kunden in der Umbruchphase, aufgrund der Unsicherheit der zukünftigen Richtung im Automobilbau, keine Aufträge bei ihnen platzieren. Die Anfragetätigkeit ist ebenfalls extrem zurückgegangen. Andere Kundensegmente, die nicht direkt oder indirekt an der Automobilindustrie hängen, geht es zum Glück noch besser, aber auch sie spüren teilweise schon den allgemeinen Wirtschaftsabschwung in ihren Auftragsbüchern und den Preisverfall.

Auch den Teilelieferanten für die Fahrzeugproduktion geht es nicht mehr gut. Deshalb gibt es bereits von Tier-1-Kunden den Versuch, sich beim Werkzeugbau Liquidität zu besorgen. So etwas ist allerdings zum Scheitern verurteilt, denn einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen, will sagen, die meisten Werkzeughersteller sind bereits am Ende ihrer eigenen Liquidität angelangt und müssen demnächst mit Entlassung beginnen, bzw. haben schon in erheblichem Umfang Personal abgebaut. Das hat allerdings dramatische Auswirkungen auf ihre zukünftige Lieferfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt.

 

2. Es kommen doch weiterhin neue Fahrzeuge auf den europäischen Markt, so dass die Autohersteller eigentlich auch neue Werkzeuge benötigen müssten. Was verändert sich da gerade?

Ihren Ankündigungen entsprechend wollen die meisten Autohersteller in den nächsten Jahren mit neuen, teilweise elektrisch oder hybrid angetriebenen Fahrzeugen auf den europäischen Markt kommen und diese auch in Europa produzieren. Dann werden auch wieder Werkzeuge gebraucht – doch die „Durststrecke“ ist sehr lang, für einige Firmen wahrscheinlich zu lang. Damit wird die strategische Bedeutung des Werkzeugbaus verkannt, denn wie sagt es Bob Williamson, der Präsident des Werkzeugweltverbands ISTMA immer wieder so schön: „Es gibt keine Serienproduktion ohne Werkzeugbau!“ Er kommt aus Südafrika, wo in den letzten Jahren mit viel Geld und Mühe der Werkzeugbau als Schlüsselbranche für die heimische Industrieproduktion neu aufgebaut worden ist.

 

3. Wie lange können die Werkzeugbauten den aktuellen Zustand noch überleben? Wird es in absehbarer Zeit zu einem regelrechten Werkzeugbausterben kommen, wenn die Kunden ihre Bestellungen noch weiter herauszögern?

Uns läuft tatsächlich gerade die Zeit davon. Wir müssen leider davon ausgehen, dass den meisten Unternehmen in den kommenden drei Monaten die Liquidität knapp wird und einzelne deutsche Unternehmen unwiederbringlich vom Markt verschwinden. Danach werden die Kunden sich woanders in der Welt nach Karosseriewerkzeugen umsehen müssen. Weiterhin ist mit dem Verlust des jahrzehntelang aufgebauten Know-hows der Branche zu rechnen, das bis heute noch eine extrem hohe Werkzeugqualität und die mit den Werkzeugen produzierte Teilequalität garantiert.

 

4. Wo werden die Autohersteller dann in Zukunft ihre Werkzeuge beziehen, wenn es keine ausreichende Kapazität in Deutschland/Europa mehr gibt?

In China existieren bereits staatlich subventionierte, vollautomatisierte Werkzeugfabriken, die in den letzten Jahren zunehmend mit heftigen Preiskämpfen die europäischen Werkzeugbauten in arge Bedrängnis gebracht haben. Dort entsteht gerade eine marktmächtige Werkzeugbaubranche, in deren Abhängigkeit unsere Kunden gelangen könnten. Im Grunde spricht nichts gegen Wettbewerb – und wenn dieser fair ist, dann stellen wir uns diesem auch gerne mit unseren hervorragenden Produkten. Bezüglich China habe ich da aber so meine Bedenken ob der Fairness. Wir fordern ein level-playing-field!

Gefährlich für den Standort Deutschland und Europa ist auch, dass der politische Einfluss der chinesischen Regierung auf solche teilstaatlichen Unternehmen nicht zu unterschätzen sein dürfte. Und ich kann mir gut vorstellen, dass ausländische Konkurrenten der chinesischen Fahrzeughersteller als B-Kunden hinter der chinesischen Konkurrenz rangieren. Daher ist zu befürchten, dass die europäischen Fahrzeughersteller heftige Wettbewerbsnachteile auf dem Weltmarkt in allen Fahrzeugsegmenten – auch in der Oberklasse! – haben werden. Das hätte gegebenenfalls Folgen für andere automobilnahe Arbeitsplätze.

 

5. Sind die chinesischen Werkzeug(bau)fabriken den deutschen Werkzeugbauten überlegen und bieten den Kunden einen Mehrwert?

Bislang sind die Werkzeuge aus ihrer Fertigung in technischer Hinsicht noch nicht ganz auf unserem Niveau. Aber die chinesische Konkurrenz hat – auch auf Grund ihrer staatlichen Alimentierung - einen wesentlich längeren Atem als unsere mittelständischen Unternehmen und mittlerweile aufgrund ihres hohen Automatisierungsgrads und der niedrigen Löhne Kostenvorteile. Hierzu muss man wissen, dass Werkzeugbau in China Teil einer zentralen, staatlichen Strategie ist, um die eigene Industrieproduktion und deren Stellung auf dem Weltmarkt zu fördern. Und wenn die chinesischen Werkzeugbauten erst einmal ausreichend Marktmacht aufgebaut haben, könnten die Preise nach oben korrigiert werden. Das haben wir in anderen Bereichen der Industrie bereits häufig erlebt, insbesondere dann, wenn keine Wettbewerber mehr lieferfähig sind.

 

6. Apropos China: Welchen Einfluss hat das Coronavirus COVID-19 bereits auf die Marktsituation und was ist zu erwarten?

Aktuell sind die chinesischen Werkzeugfabriken nicht vollständig lieferfähig. In die Zukunft projiziert bedeutet das, dass sich die Autohersteller mit zunehmender Abhängigkeit von wenigen großen Lieferanten in einzelnen Ländern auf ähnliche Szenarien einstellen müssen, und sie im Fall einer irgendwo auf der Welt auftretenden Seuche oder Naturkatastrophe plötzlich weltweit nicht mehr lieferfähig sind.

 

7. Was können die deutschen/europäischen Werkzeugbauten und ihre Kunden in der aktuellen Situation tun, um das schlimmste noch abzuwenden?

Wir müssen noch wettbewerbsfähiger werden, innovativer werden, stärker automatisieren – uns hier durchaus China zum Vorbild nehmen – und dann auf einem fairen Markt mit unseren Produkten weltweit die Kunden überzeugen. Kurzfristig benötigen wir Liquidität – bevorzugt durch private Investoren und Banken – und Instrumente wie die Kurzarbeit, um Zeiten knapper Aufträge zu überbrücken. Hier brauchen wir auch die Unterstützung der Politik. Nur gemeinsam sind wir stark! Jeder Unternehmer und Entscheider muss seine Wahlkreiskandidaten aller Parteien persönlich darauf aufmerksam machen, dass wir im Begriff sind, nicht nur eine Schlüsselindustrie für unsere Industrieproduktion zu verlieren, sondern dass dies auch zu einem Dominoeffekt führen kann, der viele weitere hochqualifizierte Arbeitsplätze in der automobilnahen Industrie gefährdet.

Außerdem haben wir im VDMA die Initiative Fairness+ gestartet, die allen Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette vom Werkzeug bis zum Endprodukt als Plattform für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit offensteht. Deshalb fordere ich alle Ausrüster, Teileproduzenten und Kunden auf, unserer Initiative beizutreten und auf Basis der dort formulierten Werte und Maßnahmen gemeinsam ihre Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt auszubauen. Denn es muss allen Entscheidern von Autoherstellern und ihren System- sowie Komponenten-Lieferanten klar sein, dass sie hier in Europa nur in einer echten Partnerschaft auf Augenhöhe überhaupt eine Chance haben, gemeinsam mit den Werkzeugbauten zu überleben.“ (Ze)

 

Im VDMA Werkzeugbau haben sich die industriellen Hersteller von Stanz- und Umformwerkzeugen, Formen, Vorrichtungen und Normalien zusammengeschlossen. Diese Schlüsselbranche rüstet die Produzenten von Serienteilen mit hochproduktiven Betriebsmitteln, d.h. Stanz- und Umformwerkzeugen sowie Formen aus. Werkzeug- und Formenbauten stellen nicht nur ständig neue kundenindividuelle Formen für die Produkte von morgen her, sondern auch mit Service- und Wartungsdiensten sicher, dass die Produktion ihrer Kunden nie lange steht. Regionale Nähe zum kompetenten Werkzeughersteller ist daher für den Serienproduzenten von großem Vorteil. http://www.wzb.vdma.org

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